Shibari in der Türkei: Wenn ein fesselnder Raum nicht selbstverständlich ist

2. Oktober 2026

Shibari ist eben nicht nur ein Stück Seil!

Wir haben eine Weile darüber nachgedacht, ob wir über das schreiben sollen, was gerade in der Türkei passiert.

Eigentlich möchten wir mit Sakura Rope keinen politischen Blog betreiben. Unser Blog handelt von Shibari, vom Lernen, von Sicherheit, von Begegnungen und von den Menschen, die wir durch das Seil kennenlernen. Wir schreiben über Dinge, die uns beschäftigen, über Erfahrungen, die wir weitergeben möchten, und natürlich über das, was uns an Shibari begeistert.

Aber manchmal gibt es Themen, bei denen es sich falsch anfühlt, einfach weiterzumachen wie bisher. Und vielleicht ist die Trennung zwischen Shibari und Politik ohnehin nicht ganz so eindeutig, wie sie auf den ersten Blick scheint.

Shibari ist für uns nicht nur Technik. Es ist auch Ausdruck, Ästhetik, Körperarbeit und Kunst. Und Kunst war eigentlich schon immer mehr als reine Unterhaltung. Sie kann gesellschaftliche Fragen aufgreifen, Grenzen sichtbar machen, Räume öffnen und manchmal sogar dort unbequem werden, wo man lieber nicht hinschauen möchte.

Was gerade in der Türkei passiert, betrifft deshalb nicht nur irgendeine politische Entwicklung weit weg von unserer eigenen Welt. Es betrifft Menschen aus unserer Community. Menschen, die Shibari praktizieren, unterrichten und Veranstaltungen organisieren. Menschen, die Räume geschaffen haben, in denen andere gemeinsam lernen, fesseln und ihre Leidenschaft leben können.


Also Menschen, die im Grunde genau das tun, was auch wir tun...

Und genau deshalb möchten wir darüber sprechen!


Vielleicht habt ihr davon noch gar nichts mitbekommen?!

Seit Mitte September gibt es in der Türkei umfangreiche Ermittlungen und Maßnahmen gegen Menschen und Organisationen aus der LGBTQI+-Community. Es kam zu Durchsuchungen, Festnahmen und Ermittlungsverfahren. Auch Vereine, Veranstaltungsorte, Medien und digitale Angebote sind davon betroffen.

Was zunächst nach einer Entwicklung klingt, die mit unserer Shibari-Welt wenig zu tun hat, hat inzwischen eine sehr konkrete Verbindung zu unserer Szene: Im Rahmen dieser Ermittlungen taucht auch ShibariTurkey auf.

ShibariTurkey ist eine türkische Shibari- und Kink-Community, die seit Jahren Workshops, Veranstaltungen und Inhalte rund um Shibari anbietet. Nach den derzeit vorliegenden Berichten wurden Inhalte von ShibariTurkey im Rahmen polizeilicher Vernehmungen thematisiert und den Befragten vorgelegt. Shibari ist damit nicht einfach nur am Rande dieser Geschichte aufgetaucht, sondern selbst Teil der Ermittlungen geworden.


Wer mehr über die konkreten Geschehnisse erfahren möchte, findet bei AtrimNamor eine ausführliche Zusammenfassung:


Auch die IG-BDSM Schweiz berichtet über die Situation und weitere Fälle aus der türkischen BDSM- und Kink-Community:


In ihrem Beitrag findet ihr am Ende noch weitere Informationen und Links zu den aktuellen Entwicklungen sowie Möglichkeiten, die betroffenen Menschen und Organisationen zu unterstützen.

Wenn euch das Thema genauso beschäftigt wie uns, schaut euch den Beitrag bitte in Ruhe an. Dort findet ihr auch Hinweise darauf, wie ihr die Community unterstützen könnt – sei es, indem ihr die Entwicklungen verfolgt, das Thema in euren eigenen Communities und Stammtischen sichtbar macht oder den Menschen vor Ort einfach ein Zeichen von Solidarität und Mitgefühl schickt. Auch finanzielle Unterstützung wird benötigt, unter anderem für anfallende Anwalts- und Prozesskosten.

Vielleicht erscheint euch das linken eines Beitrag nicht viel, aber gerade in einer solchen Situation kann es gut tun zu wissen, dass Menschen außerhalb der eigenen Community hinschauen, zuhören und Anteil nehmen.


Bitte beachtet, einige Informationen stammen unmittelbar von Betroffenen oder aus Community-Quellen und lassen sich von außen derzeit nicht vollständig überprüfen. Aber es reicht für uns aus, um uns aufmerksam werden zu lassen und damit sind wir plötzlich ziemlich nah an einem Thema, das uns alle betrifft.



Was passiert, wenn Selbstverständliches plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist?

Bei uns gehört es zum Alltag, Räume für Shibari zu schaffen. Wir planen einen Fesseltreff, geben einen Workshop, treffen uns mit anderen Menschen oder schreiben hier über das, was uns beschäftigt. Wir denken dabei nicht darüber nach, ob wir das überhaupt tun dürfen - Vielleicht ist genau das der Punkt.

Was für uns selbstverständlich ist, kann an einem anderen Ort plötzlich mit ganz anderen Konsequenzen verbunden sein. Nicht, weil sich Shibari verändert hätte, sondern weil sich der gesellschaftliche und politische Rahmen verändert, in dem Menschen ihre Interessen und ihre Gemeinschaft leben.

Wir möchten daraus keinen Vergleich zwischen der Türkei und unserer eigenen Situation machen. Dafür sind die Unterschiede zu groß. Aber vielleicht ist das auch ein guter Moment, sich zu fragen, welche Art von Räumen wir eigentlich schaffen möchten und was es bedeutet, wenn Menschen dort wirklich frei sein können.


... Und damit sind wir bei unseren „fesselnden Räumen“

Wir sprechen bei Sakura Rope gerne von „fesselnden Räumen“. Damit meinen wir nicht einfach einen Raum mit Matten, Seilen und genügend Platz zum Fesseln. Es geht vielmehr darum, was dort zwischen Menschen entsteht.


Für uns ist das ein Ort, an dem unterschiedliche Menschen zusammenkommen können, ohne sich erst dafür rechtfertigen zu müssen, wer sie sind oder wie sie leben. Dazu gehören selbstverständlich Menschen aus der LGBTQ+ Community, genauso wie Menschen, die ihre Beziehungen, ihre Sexualität oder ihre Identität jenseits dessen leben, was gesellschaftlich als „normal“ gilt.

Und ja, bei uns dürfen sich auch Menschen als Fuchs, Krokodil oder Einhorn identifizieren. Wir müssen nicht jede Identität selbst verstehen oder genauso empfinden, um einem Menschen mit Respekt zu begegnen.

Du musst nicht in eine bestimmte Schublade passen, um bei uns willkommen zu sein.


Natürlich bedeutet das nicht, dass in einem fesselnden Raum alles grenzenlos ist. Im Gegenteil. Gerade weil so viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen, sind Respekt, Konsens und persönliche Grenzen umso wichtiger. Jede:r darf neugierig sein, Fragen stellen, ausprobieren oder auch einfach sagen: „Das möchte ich nicht.“

Für uns gehört genau das zusammen: möglichst viel Raum für Individualität und gleichzeitig klare Grenzen, die für alle gelten. Und natürlich gehört dazu auch Sicherheit. Nicht nur die Frage, ob ein Seil anatomisch richtig liegt, sondern auch, ob sich die Menschen darin sicher fühlen. Für uns gehört das alles zusammen.


Was bedeutet Community eigentlich für uns?

Für uns bedeutet Community mehr als gemeinsame Veranstaltungen oder ein gemeinsames Interesse.

Sie entsteht dort, wo Menschen füreinander Raum schaffen. Wo man voneinander lernen kann, ohne ständig miteinander konkurrieren zu müssen. Wo unterschiedliche Perspektiven nebeneinander existieren dürfen und man sich auch dann verbunden fühlt, wenn man Shibari ganz unterschiedlich erlebt.

Vielleicht ist genau das etwas, das wir uns angesichts der Ereignisse in der Türkei wieder bewusster machen sollten.


Wir haben das Glück, unsere Räume gestalten zu können. Wir können entscheiden, wie wir miteinander umgehen und welche Atmosphäre wir schaffen möchten. Das wird nie perfekt sein, aber es ist etwas, das wir jeden Tag ein Stück weit selbst in der Hand haben.

Und deshalb möchten wir diesen Gedanken nicht mit Angst beenden, sondern mit Wertschätzung.

Dafür, dass wir uns treffen können. Dafür, dass wir gemeinsam lernen und unsere Begeisterung für Shibari teilen können. Dafür, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen bei uns Platz finden.

Vielleicht ist genau das ein fesselnder Raum: ein Ort, an dem Menschen einfach sein dürfen.

Und vielleicht merkt man erst dann, wie wertvoll das ist, wenn es plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.


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