Shibari lernen ohne Schubladen...

1. September 2026

Warum wir unseren eigenen Unterrichtsstil leben...

Je länger wir selbst mit Shibari unterwegs sind und je mehr wir unterrichten, desto weniger haben wir das Bedürfnis, unseren Unterricht in eine einzige Schublade zu stecken. Natürlich gibt es Menschen, bei denen wir gelernt haben, die uns geprägt und inspiriert haben. Wir haben unterschiedliche Shibari-Stile kennengelernt, verschiedene Herangehensweisen ausprobiert und daraus über die Jahre unseren eigenen Unterricht entwickelt. Manches davon ist klar einer bestimmten Schule bzw. Ryu zuzuordnen, anderes verbindet verschiedene Einflüsse miteinander. Und manchmal entsteht im Unterricht etwas, das gerade deshalb funktioniert, weil es sich nicht eindeutig einem Stil zuordnen lässt.


Das ist für uns keine Schwäche, sondern eine Bereicherung.


Denn wenn jemand zu uns kommt, um Shibari zu lernen, möchten wir nicht zuerst abwägen müssen, welchem Stil diese Person folgen soll. Wir möchten auch nicht überlegen, welcher Stil, welche Schule oder welche Lizenz zu einer bestimmten Fesselung gehört. Wir möchten schauen, wer vor uns sitzt. Was möchte dieser Mensch lernen? Was fällt ihm leicht, wo braucht es eine andere Erklärung und was macht ihm überhaupt Freude? Ein Pattern kann technisch noch so schön sein, wenn es für den Menschen vor uns nicht funktioniert, hilft es wenig, darauf zu bestehen, dass es exakt so gelernt werden muss.


Natürlich können Lizenzen, Zertifikate und festgelegte Ausbildungswege Orientierung geben. Sie können zeigen, welchen Weg jemand gegangen ist und bei wem er gelernt hat. Aber für uns endet die Frage nach gutem Unterricht nicht dort.

Ein Zertifikat sagt uns nicht, wie jemand mit einem individuellen Körper umgeht, wie flexibel er Wissen vermitteln kann oder ob er seinem Gegenüber den Raum lässt, selbst zu entdecken und Fragen zu stellen. Und es sagt auch nicht, ob am Ende das entsteht, was für uns beim Shibari so wichtig ist: eine gute Verbindung zwischen den Menschen und Freude an dem, was sie gemeinsam mit dem Seil erleben.


Genau deshalb ist unser Shibari-Unterricht offen. Wir vermitteln, was wir selbst gelernt, erfahren und uns vielleicht auch anders gewünscht haben, zeigen unterschiedliche Möglichkeiten und lassen Raum um Dinge zu hinterfragen. Unser Anspruch ist nicht, unsere Schüler zu Kopien von uns oder einem Lehrmeister zu machen. Wir möchten ihnen vielmehr Verständnis und Werkzeuge mitgeben, mit denen sie irgendwann ihren eigenen Umgang mit dem Seil entwickeln können.


Shibari ist für uns mehr als ein System

Wir möchten uns einfach nicht in ein System pressen lassen, bei dem es am Ende mehr um das Business als um den Menschen geht. Dahinter stehen im Grunde Geschäftsmodelle bei dem Zugehörigkeit, Namen und Lizenzen irgendwann einen größeren Stellenwert bekommen als das gemeinsame Lernen, dabei verliert man aus unserer Sicht leicht den eigentlichen Kern aus den Augen.

Wir möchten nicht, dass sich unsere Arbeit darüber definiert, welche Lizenz wir besitzen, bei wem wir gelernt haben oder welchem Namen wir uns anschließen. Und wir möchten auch nicht jahrelang einer bestimmten Anerkennung hinterherlaufen, nur um am Ende ein Stück Papier in der Hand zu halten, das uns legitimiert, das weiterzugeben, was wir ohnehin mit Leidenschaft, Erfahrung und Verantwortung praktizieren und unterrichten.


Sollte irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem sich eine solche Möglichkeit für uns ergibt und sie sich für uns stimmig anfühlt, werden wir sie natürlich nicht aus Prinzip ablehnen. Wir müssen sie aber auch nicht um jeden Preis erreichen. Wir möchten uns nicht in einen Wettbewerb darum begeben, wer die nächste Lizenz bekommt, bei wem man lernen muss oder wer am Ende welchen offiziellen Status trägt. Für uns ist das kein Wettlauf.


Das bedeutet nicht, dass wir gegen Ausbildung oder gegen Menschen sind, die einen solchen Weg für sich wählen. Es ist schlicht nicht unser Weg.

Wir möchten unsere Energie lieber in das stecken, was uns tatsächlich wichtig ist:

Menschen, Seile und gemeinsames Lernen.


Unser Stil darf deshalb auch ein bisschen dazwischen liegen

Wir unterrichten, weil wir Seil lieben. Weil wir Freude daran haben, Dinge gemeinsam zu entdecken, weil es spannend ist, wenn jemand plötzlich einen Zusammenhang versteht und man dabei zusehen kann, wie die eigene Begeisterung für das Seil wächst. Wir möchten unsere Erfahrungen weitergeben, ohne daraus eine endgültige Wahrheit zu machen, und gleichzeitig offen bleiben für neue Einflüsse, neue Fragen und neue Wege.


Vielleicht sieht man genau das unserem Unterricht an. Wir haben Einflüsse aus unterschiedlichen Richtungen und verbinden diese manchmal miteinander. Eine Technik kann aus einem bestimmten Stil stammen und sich im nächsten Moment mit einer anderen Herangehensweise verbinden. Manchmal unterrichten wir etwas sehr klassisch, manchmal verändern wir es gemeinsam mit unseren Schüler und manchmal entsteht aus einer Frage eine Lösung, die wir selbst vorher so noch nicht betrachtet haben.


Wir empfinden das nicht als Widerspruch.

 

Shibari entwickelt sich weiter, weil Menschen es lernen, hinterfragen und ausprobieren. Auch wir sind heute nicht mehr dieselben Lehrer wie zu Beginn unserer eigenen Seilreise. Unser Wissen ist gewachsen, unser Blick hat sich verändert und mit jedem Menschen, den wir unterrichten, lernen auch wir weiter.

Genau das möchten wir uns bewahren.


Am Ende zählt für uns der Mensch

Wir freuen uns natürlich, wenn jemand nach einem Shibari-Kurs ein Pattern sauber gelernt hat. Noch mehr freuen wir uns aber, wenn jemand versteht, warum eine Technik funktioniert, sie an einen anderen Körper anpassen kann.

Denn für uns ist das der Moment, in dem Lernen und Lehren wirklich spannend wird.


Wir möchten Shibari nicht über Titel, Lizenzen oder Schubladen definieren. Wir möchten Menschen dabei begleiten, ihren eigenen Zugang zum Seil zu finden, mit dem nötigen Wissen und Verantwortungsbewusstsein, aber auch mit Neugier, Offenheit und vor allem mit Freude.

Denn am Ende sind wir nicht wegen eines Zertifikats hier.


Wir sind hier, weil wir Seil und die Begegnung darin lieben.

Für uns ist das der schönere Teil dieser Reise:

Der Mensch vor uns ist wichtiger als das Label,

die gemeinsame Freude wichtiger als die Schublade und

echtes Lernen wichtiger als ein Stempel auf einem Stück Papier.


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